In der Wirtschaftskrise zurück zu den Wurzeln?

Veröffentlicht am 11.06.2009 in Abteilung

Was die SPD von Genossenschaften lernen kann!

Bei der Abteilungssitzung am 9. Juni 2009 waren Herr Dr. Möller vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Peter Weber von der Selbstbau eG sowie Klaus Lemitz von der der Gewerbehof Saabrücker Straße eG zu Gast.

Im BVR sind 1.197 Banken mit 13.586 Bankstellen sowie ca. 16 Millionen
Mitgliedern organisiert. Die Selbstbaugenossenschaft ist eine 1990 gegründete Genossenschaft, die mit ihren Mitgliedern in den Berliner Bezirken Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Lichtenberg Mietshäuser kauft und mit Beteiligung der zukünftigen der Häuser wurde bis vor wenigen Jahren vom Land Berlin im Rahmen des Förderprogramms "Soziale Stadterneuerung" unterstützt. Die Selbstbau verfügt über 16 Häuser mit rund 330 Wohn- und Gewerbeeinheiten. Inzwischen realisiert die Selbstbau auch Hausprojekte ohne eine Förderung durch das Land Berlin. 1995 gründen ansässige Unternehmen die Genossenschaft Gewerbehof Saarbrücker Straße e.G. mit dem Ziel der langfristigen Sicherung und Entwicklung des Standortes bei günstigen Mieten. Am 1. September 2003 übernimmt die Genossenschaft das Grundstück nach langwierigen Kaufverhandlungen vom Land Berlin. Die auf dem Gewerbehof ansässigen Firmen, weitere Unternehmen und die Berliner Volksbank sind die heute 40 Mitglieder der Genossenschaft. Auf dem Gewerbehof ist eine vielfältige Mischung von Unternehmen des produzierenden Gewerbes, des Handwerks, des Handels und produktionsnaher Dienstleistungen ansässig. Einen besonderen Schwerpunkt bilden Künstler und Medienunternehmen. Freie Flächen werden an Unternehmen vermietet, die den Standort bereichern und ergänzen. Neue Mieter finden im Gewerbehof Saarbrücker Straße günstige Standortbedingungen, treten der Genossenschaft bei, beteiligen sich mit Einlagen und bilden so die Grundlage für den eigenen und den Erfolg der Genossenschaft. Die Zahl der Mitglieder wird in den nächsten Jahren auf über 70 anwachsen.

Die genossenschaftliche Organisationsform, die auch mit den Begriffen Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung umschrieben werden kann, ist ein Zusammenschluss von Personen, die sich in gleichen oder ähnlichen Problemlagen befinden und gemeinsam nach Lösungen dafür suchen. Der Genossenschaftsgedanke ist deshalb alt. Im 19. Jahrhundert wurde er von der Genossenschaftsbewegung in moderner Form wieder aufgenommen. In der Diskussion zeigte sich, dass der genossenschaftliche Gedanke gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Bankenkrise hochaktuell ist. Allerdings wurde auch deutlich, dass die Genossenschaften und eine solidarische und nachhaltige Wirtschaft nicht „automatische Krisengewinner“ sind. Die EU Kommission ist z.B. immer noch dabei aus angeblichen Wettbewerbsgründen gegen das genossenschaftliche Bankensystem in Deutschland vorzugehen, da dies regional organisiert ist. Der Selbstbau eG wurden von einer Landesbank Kredite mit Verweis auf die Bankenkrise gekündigt, obwohl Zins und Tilgung immer pünktlich bezahlt wurden und sowohl Selbstbau als auch die Genossenschaft Saabrücker Straße sollten vor wenigen Monaten erhebliche höhere Zinsen zahlen, weil sie angeblich zu niedrige, weil
unter dem Marktniveau liegende Mieteinnahmen pro m² haben. Diese niedrigen Mieten sind aber gerade der Ausweis dass der genossenschaftliche Gedanke der niedrigen Kostenmiete funktioniert und eben kein Ausweis von Misswirtschaft, wie die automatischen Prüfungsroutinen der Banken zeigen. Letztendlich konnten diese
Schwierigkeiten überwunden werden. Sie haben aber allen Teilnehmenden an diesem interessanten Abend gezeigt, dass der Weg zu einer wirklich nachhaltigen Wirtschaft mit sinnvollen Spielregeln für alle noch sehr weit ist. Allerdings wurde auch deutlich, dass es sich lohnt, für Ziele und Projekte zu kämpfen und dass Grundsätze, die auf den ersten Blick als alt und verstaubt gelten, auf einmal wieder hochaktuell werden können.