Julia Friedrichs liest "Gestatten: Elite" bei der SPD Kollwitzplatz

Veröffentlicht am 14.01.2009 in Abteilung

Julia Friedrichs ist fünfundzwanzig, als McKinsey ihr ein lukratives Job-Angebot unterbreitet - sie soll künftig zur Elite des Landes gehören. Was das heißt, erlebt sie bei einem Edel-Assessment-Center - und ist geschockt. Das Wort "Elite" lässt sie nun nicht mehr los. Sie schlägt den Job aus und recherchiert ein Jahr lang an Elite-Universitäten, Elite-Akademien, Elite-Internaten. Sie taucht ein in eine Welt, in der Menschen, die weniger als siebzig Stunden pro Woche arbeiten, "Minderleister" heißen, in der zwanzigjährige Eliteanwärter Talkshow-Auftritte trainieren und Teenager Karriereberatungen buchen.

"Es gibt Menschen, sagte er, die sind oben; das sind Gewinner. Und Menschen, die sind unten; die Verlierer." Und wenn man sich weigert, das zu akzeptieren? "Dann", sagte der Coach, "heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere." "Deutschland braucht wieder Eliten", heißt es von allen Seiten. Wer oder was aber ist heute Elite? Julia Friedrichs hat sich auf eine Reise zu den angesehensten Eliteschmieden des Landes begeben.

Das bei der Lesung am 13. Januar 2009 bis auf den letzten Platz gefüllte Café Lyrik zeigte uns, wie hoch das Interesse am Thema Elite gerade auch in Prenzlauer Berg ist und wie sehr wir mit der Organisation dieses Veranstaltung den Zeitgeist getroffen haben. Die junge Autorin fesselte ihre Zuhörer vom ersten Moment an und immer wieder wurden Rufe aus den hinteren Reihen laut, die keinesfalls auch nur ein Wort verpassen wollten. Begeisterung über die engagierte, mutige Autorin und erhebliche Vorbehalte und Ängste gegenüber dem Begriff hielten die Spannung auch während der anschließenden, von der Rundfunkjournalisting Lisa Steger moderierten Diskussion.

Julia Friedrichs, ein 68er Lehrerkind, wie sie selbst sagte, wurde 1979 geboren. Sie studierte nach ihrem 1,0 Abitur Journalismus in Dortmund. Nach dem Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk arbeitet sie nun als freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen, unter anderem für die WDR-Redaktionen Monitor, Echtzeit und Aktuelle Dokumentation. Für eine Sozialreportage wurde sie 2007 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und dem Ludwig-Erhard-Förderpreis ausgezeichnet. Julia Friedrichs lebt in Berlin-Kreuzberg.

Ihr Buch wurde in den Medien viel gelobt. Recherche, Komposition, Stil, überall gab es Bestnoten für das hervorragende Reportage-Sachbuch. Kritisch wurde auch am Abend gefragt, ob sie tatsächlich glaubt, dass nur derjenige Elite ist, der es bloß von sich behauptet? Hätte sich Friedrichs nicht lieber bei den weniger lauten, auch bundeseigenen Institutionen umsehen müssen, in der Sommerakademie der Studienstiftung oder bei Jugend forscht, um die wahre Funktionselite und nicht nur aufgeblasene Direktorensöhnchen kennenzulernen? Sie erwiderte auf die Nachfragen aus dem Publikum, dass sie bei der Studienstiftung angefragt, aber keine Antwort erhalten hätte, und ein Thema in einer Reportage auch beschränkt werden müsse.

Ein spannender Abend mit vielen Fragen aus dem Publikum, das nur zum Teil aus SPD-Mitgliedern bestand und in seinen vielfältigen Reaktionen den Bogen spannte von globaler Kapitalismusschelte bis zu kritischer Teilname. Ein Abend, durch den die SPD-Abteilung Kollwitzplatz ein weiteres Ausrufezeichen hinter ihre kritische, zeitnahe Arbeit setzen konnte.